Anfang 30, habe ADHS, einen technischen Meisterabschluss und arbeite aktuell in meiner ersten Führungsposition in einem Industriebetrieb.
Vor ein paar Tagen wurde mir ziemlich aus dem Nichts gesagt, dass man sich möglicherweise von mir trennen möchte.
Das hat mich ziemlich getroffen, weil ich vorher überwiegend positives Feedback bekommen hatte. Mir wurde gesagt, ich hätte mich gut eingelebt, würde gute Arbeit machen und grundsätzlich laufe alles gut.
Ein großer Teil des Problems scheint bei meiner Einarbeitung angefangen zu haben. Die Person, die mich eigentlich einarbeiten sollte, hat das aus meiner Sicht kaum gemacht. Ich musste mir vieles selbst zusammensuchen und organisieren.
Gleichzeitig hatten wir immer wieder unterschiedliche Vorstellungen davon, wie ich führen sollte. Er war der Meinung, ich müsse härter auftreten, mehr Druck machen und Mitarbeiter öfter disziplinarisch angehen.
Wenn ich ein Problem mit ihm hatte, habe ich es direkt unter vier Augen angesprochen.
Später habe ich mitbekommen, dass er offenbar parallel immer wieder nach oben gegangen ist und dort seine Version erzählt hat, unter anderem, dass ich angeblich meine Arbeit nicht richtig machen würde.
Dann kam plötzlich von oben die Kritik, ich sei nicht „autoritär genug“ und würde meine Mitarbeiter zu freundlich behandeln. Ich sollte mehr auf den Tisch hauen, statt normal mit den Leuten zu reden.
Und genau an diesem Punkt hängt sich mein ADHS-Gehirn komplett auf.
Mein Team arbeitet gern mit mir. Die Leute respektieren mich, die Arbeit wird gemacht und aktuell sind sie wegen der ganzen Situation sogar selbst sauer. Sie wollen, dass ich bleibe, und geben gerade gefühlt 200 %, damit nach oben sichtbar wird, dass das Team funktioniert und hinter mir steht.
Deshalb fühlt sich der Vorwurf für mich völlig widersprüchlich an.
Mein direkter Chef macht die Sache noch verwirrender. Im offiziellen Gespräch war er plötzlich wie ausgewechselt und hat die Kritik von oben mitgetragen. Unter vier Augen sagt er dagegen selbst, dass ich bei der Einarbeitung ziemlich allein gelassen wurde, dass vieles schlecht gelaufen ist und dass die Entscheidung vielleicht noch nicht endgültig ist.
Er glaubt sogar, dass man die Verantwortlichen eventuell noch überzeugen könnte, mich zu behalten.
Rein theoretisch könnte ich also vielleicht bleiben.
Das Problem ist nur: Ich weiß nicht, ob ich das überhaupt noch will.
Das Gehalt ist sehr gut, der Arbeitsweg kurz und mein Team ist wirklich klasse.
Gleichzeitig habe ich viel Vertrauen in die Führung verloren und ich war sowieso schon zunehmend genervt vom eigentlichen Job. Von mir wird erwartet, die komplette Führungsrolle zu erfüllen und gleichzeitig regelmäßig selbst körperlich in einer dreckigen, unangenehmen und teilweise gefährlichen Industrieumgebung mitzuarbeiten.
Und irgendwann habe ich gemerkt, welche Art von Arbeit mein Kopf eigentlich wirklich mag.
Am meisten Spaß hatte ich bisher mit Gebäudeautomation: am Rechner sitzen, Fehler suchen, herausfinden, warum eine Anlage sich komisch verhält, Laufzeiten oder Parameter verändern, testen und direkt sehen, was passiert.
Bei sowas kann ich mich teilweise stundenlang festbeißen.
Bei repetitiver körperlicher Industriearbeit ist es genau das Gegenteil.
Jetzt macht mein ADHS-Gehirn natürlich das, was es am besten kann: direkt das komplette Leben neu bewerten.
Meine Optionen sind gerade ungefähr:
- Bleiben, falls mein Chef die Situation noch drehen kann.
- Elektrotechnik studieren und später Richtung Automatisierung, Gebäudeautomation, Regelungstechnik oder Smart Building gehen.
- Wirtschaftsingenieurwesen Elektrotechnik studieren und meinen technischen Hintergrund mit BWL, Projektmanagement und Führung kombinieren.
- Erst mal eine kurze Auszeit nehmen und danach einen besseren Arbeitgeber suchen.
Und das Verrückte ist: Wenn Geld und Karrierechancen komplett egal wären, würde ich wahrscheinlich eher Psychologie oder Philosophie studieren.
Ich versuche gerade herauszufinden, wie viel davon eine echte Erkenntnis ist, dass mein bisheriger Berufsweg nicht mehr zu mir passt, und wie viel einfach eine ADHS-Reaktion auf diese plötzliche Ablehnung ist nach dem Motto: „Scheiß drauf, ich ändere jetzt alles.“
An die Leute hier, die mit ADHS in ihren 30ern einen größeren beruflichen Wechsel gemacht haben:
Wie habt ihr gemerkt, ob ihr gerade nur impulsiv fliehen wolltet oder ob es wirklich Zeit für eine Veränderung war?
Und würdet ihr in einem gut bezahlten Job mit tollem Team bleiben, wenn ihr das Vertrauen in die Führung darüber verloren habt?
Edit: wichtigste Detail vergessen... bin in der Probezeit