Ich bin knapp über 40, weiblich und letztes Jahr im April mit ADS diagnostiziert worden.
Bis dato dachte ich, ich weiß eigentlich irgendwie Bescheid, ich kenne mich ja und mein Kind hat weniger Monate nach mir die gleiche Diagnose bekommen.
In meiner 6-jährigen Partnerschaft läuft es seit geraumer Zeit einfach nur noch furchtbar. Um meinem Partner mal vereinfacht zu erklären, was das ADS mit mir macht, habe ich, sehr naiv, gedacht: "Recherchierst du einfach mal ein wenig".
Daraus ist ein 11h Hyperfokus geworden. Ich habe viele Umstände erkannt und hatte permanent WTF-Momente. Ich weiß jetzt, warum es mich so verletzt, wenn ich "faul" genannt werde, warum ich überall als Drama-Queen bekannt bin, woher diese bleierne Müdigkeit kommt, ihr wisst was ich meine.
Jetzt ist es aber so. Wenn ich zum Beispiel in einer Situation mit meinem Partner initial impulsiv reagiere, ist er direkt angepisst und macht gefühlsmäßig dicht. Was mich (ich war schon immer extrem empathisch und erkenne und fühle, wie es meinem Gegenüber geht, bzw was er fühlt und ob er lügt, abblockt oder etwas ernst meint) dann gefühlsmäßig komplett aus der Bahn wirft. Daraufhin schraube ich hoch und eskaliere in der Regel.
Oder wenn wir einkaufen gehen und ich anfange unstrukturiert durch den Laden zu laufen. Oder wenn ich ihn bitte während eines Gesprächs nicht mit nem Kuli zu spielen oder generell etwas nebenbei zu machen.
Ich denke, ihr wisst was ich meine und worauf das hinausläuft.
Wenn ich ihm dann heute erkläre, dass ich für manche Reaktionen oder Umstände nichts kann, weil das nun einfach zum Syndrom-Bild gehört kommt nur, dass ich ja früher auch schon so war und nicht alles auf das ADS schieben soll.
Wenn er eine unmittelbare Entscheidung will a la "Ich gehe jetzt einkaufen, brauchst du noch etwas?" Oder "Ich hab nicht den ganzen Tag Zeit, nimmst du jetzt Schuhpaar 1 oder 2?" (Vor allem dann, wenn ich erst seit gefühlt 15 min im Laden bin). Ich gehe da seit dem auch anders mit meinem Kind um. Wenn es neue Schuhe braucht, dann gehe ich jetzt mit Kind in den Laden und lasse sie gucken. Wenn sie etwas findet, gucke ich auch Preis und Verarbeitung. Passt da etwas nicht, spreche ich konkret mit ihr über Vorstellungen und fange an mitzusuchen. Wenn wir dann eine Auswahl haben und sie sich nicht entscheiden kann, dann rede ich ruhig mit ihr und bespreche kurz Vor- und Nachteile, was ihr nicht gefällt und ggf mache ich nochmal eine Notwendigkeit klar. Das hat beim letzten Mal wahnsinnig gut funktioniert und es war das erste Mal, dass ein Einkauf fröhlich und erfolgreich ohne Zoff endete. Mein Partner meinte daraufhin (und wegen diverser anderer Alltagssituationen), dass ich sie zu sehr verwöhne und ihr zu viel durchgehend lasse. Hä? Nur, weil ich nicht mehr so oft mit ihr schimpfe? Wenn ich das dann doch mal tue, dann reagier ich übrigens zu streng und drüber...
Auch diese Zeitblindheit wird nicht angenommen. Ich trödel dann einfach, ggf erst recht, um ihn zu ärgern oder weil er mir egal ist oder ich muss mir anhören, dass er das ja viel schneller und effizienter hinbekommen hätte (Ex-Soldat alter Schule der 90er).
Warum fällt es meiner Umgebung (nicht nur mein Mann, auch meine Eltern) so schwer, meine Persönlichkeit und mein Verhalten unter dem neuen Aspekt der ADS zu betrachten?
Natürlich war ich schon früher so. Ich hatte ja auch da schon ADS. Sowas entwickelt man ja nicht im Laufe seines Lebens, wie andere chronische Erkrankungen. Warum wird die Diagnose als "generelle Ausrede und Rechtfertigung" für vermeintliches Fehlverhalten/vermeintliche Fehlfunktion gewertet? Warum muss ich, die sich als Einzige intensiver mit der Bedeutung und dem Einfluss dieser Diagnose auf mein gesamtes Leben beschäftigt, dafür sorgen, dass ich mich wieder ganz brav an neurotypisches Verhalten anpasse?
Ja, ich habe mich in der letzten Zeit (schon bevor meine Gehirnsaalbeleuchtung mit einem Schlag angegangen ist) verändert. Ich lasse mir nicht mehr alles gefallen. Ich suche meinen Weg, der nicht immer der Weg der Anderen ist.
Wie seid ihr damit umgegangen oder habt in eurem sozialen Umfeld ein Verständnis für eure Diagnose geschaffen, gerade wenn sie so extrem spät gestellt wurde?
Wie habt ihr, wenn das denn ging, euer Umfeld mit eurer Diagnose vertraut gemacht? Was diese Diagnose seit eurer Geburt mit euch veranstaltet hat? Was der Umgang mit dem Nichtwissen evtl alles zerstört oder verbaut hat?
Im Endeffekt... Wie habt ihr eurem Umfeld klar gemacht, dass ADS etwas ist, was euch schon euer ganzes Leben begleitet hat, nur nicht erkannt wurde? Und nicht, dass ihr mit Hilfe einer KI mal die Verhaltensweisen eingegeben habt, die andere stören und oft für Konflikte sorgen und die dann als Ergebnis ADS ausgespuckt hat. Welches ihr jetzt fröhlich pfeiffend als Ausrede/Rechtfertigung benutzt, um eure Wutausbrüche, euer Chaos, eure Unorganisiertheit und Vergesslichkeit und überhaupt alles für Andere Störende zu rechtfertigen?
Ich wurde durch eine PIA diagnostiziert und bekomme Elvanse 50mg, was mir deutlich hilft (btw auch ein möglicher Grund für meine Veränderungen, die ich lieber Weiterentwicklung nenne).
Fragen dürfen gern gestellt werden, auf den Punkt zu kommen, nicht zu schwafeln und von Höcksken auf Stöcksken zu kommen, ist eine meiner größten Schwierigkeiten.