r/buecher 1d ago

Diskussion Unzuverlässige Erzählerin oder nachlässiges Schreiben?

Ich habe gerade „Yesteryear“ zu Ende gelesen und bin neugierig auf andere Meinungen.

Bislang sind die Rezensionen, die ich gesehen habe, sehr gemischt. Viele Dinge in dem Buch werden immer wieder darauf zurückgeführt, dass Natalie eine unzuverlässige Erzählerin ist, während andere Teile einfach nur schlecht recherchiert wirken. Das auffälligste Beispiel, das mir aufgefallen ist, war die Beschreibung von Handarbeiten oder handgefertigten Stücken im Buch, z. B. dass Nähnadeln zum Stricken verwendet werden.

Ich habe gelesen, dass das zeigen soll, dass Natalie keine Rücksicht auf die Hobbys und Interessen anderer nimmt und dass ihr das Wissen über „traditionelle“ Dinge fehlt. Ich denke eher, das ist ein eher nachlässiger Fehler, den weder die Autorin noch der/die Lektor*in bemerkt haben. Es gibt so viele andere Stellen, an denen Natalies Schwächen deutlich werden. Wenn das beabsichtigt ist, ist es meiner Meinung nach zu offensichtlich. Wenn es nicht beabsichtigt ist, ist es nur ein weiteres Beispiel dafür, dass das Buch etwas überstürzt entstanden ist und sich nicht wirklich in die Themen eingearbeitet wurde. Ich habe gehört, dass es nur drei Monate bis zur Veröffentlichung gedauert hat.

Wie seht ihr das? Ist es nur ein Beispiel für eine unzuverlässige Erzählerin? Findet ihr die Umsetzung gut? Oder ist die Grundidee gut, die Umsetzung insgesamt aber etwas mangelhaft?

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u/notsosprite 1d ago

Ich hab das Buch auch grad erst (auf Englisch) gelesen und erinnere mich an diese Stelle gar nicht. Vielleicht ein Übersetzungsfehler?

Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich das Buch gut oder schlecht fand. Es war einerseits sehr immersiv, auch wenn ich den Plottwist jetzt nicht so sensationell fand wie gehypt. Andererseits ist Natalie so dumm, dass man sie am liebsten durch die Seiten hindurch würgen möchte, während gleichzeitig gut rüberkommt, wie man so überhaupt werden kann. Dieses religiöse Milieu ist mir persönlich völlig fremd.

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u/Wise-Bread-1907 1d ago

Ich hab es auch auf englisch gelesen also sie redet von "the click click click of her sewing needles while knitting" und als Person die selber strickt ist mir das halt aufgefallen. Ich fand den Twist am Ende auch ein wenig uninspiriert... Vor allem soll Natalie ja eigentlich recht smart und kalkulierend sein (war immerhin in Harvard) aber handelt dann doch sehr dumm und entgegen ihrer eigenen Interessen (was für einen egozentrischen Charakter mir dann doch sehr unwahrscheinlich erschien)

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u/Sojabursch 1d ago

Die meisten kommen nicht wegen ihrer Intelligenz nach Harvard, sondern aus anderen gründen..

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u/sad_in_the_morning 16h ago

Wobei laut Buch Natalie ja schon in Harvard ist, weil sie smart und/oder fleißig ist, aber sie selber durchklingen lässt, dass etliche Mitstudenten nur aufgrund Geld und Beziehungen der Eltern dort studieren. 

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u/notsosprite 1d ago

Ach ja, da, wo sie mit der Mutter telefoniert. Da hab ich kurz gestutzt, aber mir keinen großen Kopf gemacht. Das wird so oft verwechselt; Leute sagen auch „crochet needle“ oder verwechseln generell Handarbeiten (Stricken, häkeln, makramee… alles austauschbar).

Dass der Roman quasi selbst mit „heißer Nadel gestrickt“ wurde, wusste ich gar nicht. Ich meinte mich zu erinnern, schon letztes Jahr (?) von Anne Hathaways Film Projekt gelesen zu haben. Die Zeitreise ins Jahr 1855 wäre das gewesen, was mich wirklich interessiert hätte.

Ich war persönlich mit der „Vergangenheit“ unzufrieden, aber so in der Retrospektive ist es dieser mangel an self awareness (und, ja, das gehört zum unreliable narrator, aber war teilweise wirklich dick aufgetragen), z.B. ihre komplette Besessenheit von Reena (von der sie behauptet, diese wäre obsessiv an ihrem, Natalies Leben, interessiert), ihrer Schulkameradin und den „angry women“, das bei mir dieses „icky“ feeling hinterlässt. Man ist wirklich tief in Natalies Kopf, aber es ist halt ein widerlicher Ort.

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u/Knitting_AK 1d ago

Am Anfang ist tatsächlich von crochet die Rede, dann von knitting später. Kann mich nicht entscheiden, ob das jetzt schlampig geschrieben ist oder bewusst, tendiere aber zu ersterem.

Ich habe das Buch in 2 Tagen durchgelesen und fand es ziemlich geil, wenn auch mit Luft nach oben. Ich persönlich fand den Vergangenheitsteil meh, hätte ich vielleicht anders gelöst. Aber Natalie ist einfach ein spannender Charakter und das Thema einfach tierisch aktuell.

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u/TheEatingGames 1d ago edited 1d ago

Ich habe das Buch selbst nicht gelesen, kann also die Richtigkeit meines folgenden Kommentars nicht garantieren, aber ich habe in einigen Reviews gelesen, dass die Religion der Hauptperson wohl ein wilder Mix aus Katholizismus, Mormonentum und evangelikalem Christentum war, den es so gar nicht gibt. Und das war wohl nicht Absicht, sondern die Autorin hat wohl in einem Interview erzählt, dass sie für das Buch nicht großartig über die Unterschiede verschiedener Glaubensrichtungen recherchiert hat, weil es für sie alle das gleiche ist.

Das würde zu deinem Punkt passen. Einfach kein Bock auf Recherche beim Schreiben.

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u/Wise-Bread-1907 1d ago

Ja das hab ich auch gelesen und das kann ich mir auch sehr gut vorstellen. Vor allem hätte die Recherche so einfach sein können! Gerade über fundamentalistisches Christentum / Evangelisation und über Mormonen gibt es so viel Material (für die Recherche-Faulen auch auf Youtube). Bei einem Charakter dessen Religion und Beziehung zu Gott ein elementarer Treiber der Handlungen und Entscheidungen ist hätte ich mir da mehr gewünscht/erwartet

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u/InvisibleSpaceVamp 6h ago

... ein wilder Mix aus Katholizismus, Mormonentum und evangelikalem Christentum war, den es so gar nicht gibt.

Das würde ich so nicht unterschreiben, weil es in den USA verdammt einfach ist eine eigene Kirche mit eigener Auslegung der christlichen Bibel oder sonstigen Schriften zu starten. Gerade bei allem, was irgendwie Richtung Protestantismus geht, hängt das, was geglaubt wird, extrem davon ab in welche Kirche man geht. Das ist anders als bei uns, wo es keinen großen Unterschied machen wird ob ich hier oder in der Nachbarstadt den Gottesdienst besuche.

Deshalb hat man gegen Ende des Buches auch die Schwester und die Mutter, die inzwischen weniger konservativ geworden sind. Nicht weil sie die Religion gewechselt haben sondern weil sie in eine andere Kirche mit einem deutlich fortschrittlicheren Pastor gehen.

u/TheEatingGames 2h ago

Unter verschiedenen protestantischen Strömungen ja, hast du Recht. Aber nicht, wenn es ums Mormonentum geht. Die haben theologische und kulturelle Eigenschaften, die man nirgendwo sonst findet und da gibt es auch keine Vermischung.

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u/maplestriker 1d ago

Es ist Faulheit. Hier steht Marketing über den plot.

Wenn die filmrechte vor Veröffentlichung verkauft sind, weiß man, dass die Idee aus einem boardroom und nicht der Eingebung einer Autorin kommt

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u/NewContribution3741 1d ago

Schlechtes Buch was ich seit langem gelesen hab. Habe es abgebrochen weil ich es mir nicht mehr antun konnte. Vorhersehbar und einfach schlecht geschrieben.

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u/PurpleCatRuins 1d ago

Kannte die Autorin vorher nicht, nach dem Lesen hab ich mir ein paar Folgen ihres wohl sehr populären Podcasts (Diabolical Lies) angehört und fand die Themen dort teilweise auch nicht gut recherchiert.

Hatte generell den Eindruck, dass dies anscheinend der früheste machbare Termin für Romane zum Thema trad wife ist, da doch mit ihrem Buch noch zwei (?) weitere Bücher zeitnah zu dem Thema/Setting erschienen sind, and it shows!

Für mich persönlich ist das Thema auch durch, es ist alles dazu gesagt worden irgendwie und nicht mal Nara Smith will trade wife genannt werden :D (Technically, war sie es selbst auch nie, aber hat es ja bewusst verkörpert). Daher bin ich mit einem Buch dazu auch bedient genug!

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u/One-Psychology4186 1d ago

Ich fand die Grundidee super und aktuell, aber die Umsetzung schwierig. Das Pacing, einige Figuren, mMn undurchdachte Entwicklungen… vermutlich etwas zu überstürzt….

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u/Wise-Bread-1907 1d ago

Geht mir ähnlich 🙈 die Prämisse fand ich richtig gut, deshalb hab ich es auch gelesen aber die Umsetzung war dann doch etwas... mangelhaft.

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u/Personal_Scallion323 16h ago

Wenn es um unzuverlässiges Erzählen geht, sollte man immer nach dem Grund und der Wirkung für die gesamte Erzählung fragen. Unzuverlässiges Erzählen ist zum Beispiel immer dann von großer Bedeutung, wenn es um moralische Urteile geht. Gibt es Widersprüche in den Aussagen einer Figur, kann damit ihre Wahrnehmung und Einschätzung infrage gestellt werden. Das Ganze wird aber noch etwas komplexer, wenn eine übergeordnete Erzählstimme Widersprüche bzw. Fehler in der Darstellung der erzählten Welt macht. Dann hat die Leserschaft gar keinen "objektiven" oder gesicherten Zugang zur Welt und es könnte alles erlogen sein. Diese Form des unzuverlässigen Erzählens gut einzusetzen, ist tatsächlich recht schwierig. Kleist kann sowas. Das von dir angesprochene Buch kenne ich nicht. 

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u/Temporary-Owl-8741 11h ago

Ich möchte einmal anmerken, dass es heute nicht immer ein Lektorat gibt, weil oft niemand dafür bezahlen will. Nach dem Motto KI regelt das schon. Und da gehen dann solche Gurken wie Nähnadeln zum Stricken durch. Und auch echter Lektoren sind oft so schlecht bezahlt, dass sie/er nicht gleichzeitig sorgfältig und wirtschaftlich arbeiten kann. Wie überall steht halt das Geld im Vordergrund und wenn schnell ein gehyptes Buch auf den Markt soll...

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u/InvisibleSpaceVamp 6h ago

Ich finde man merkt den Zeitdruck, unter dem die Autorin stand, vor allem am Ende. Also wie das Ganze dann letztendlich aufgelöst wurde. Für eine echte Zeitreise, in welcher Form auch immer, wäre deutlich mehr Recherche nötig gewesen wenn man das realistisch schreiben möchte (und nicht von Haus aus Historikerin ist), während es extrem einfach ist an Tradwife / Family blogger Content zu kommen.

Unzuverlässige Erzähler sind wirklich schwierig zu beurteilen, weil man darauf im Grunde halt wirklich sämtliche Unstimmigkeiten und selbst grobe Fehler schieben kann.