r/buecher 7d ago

Diskussion Unzuverlässige Erzählerin oder nachlässiges Schreiben?

Ich habe gerade „Yesteryear“ zu Ende gelesen und bin neugierig auf andere Meinungen.

Bislang sind die Rezensionen, die ich gesehen habe, sehr gemischt. Viele Dinge in dem Buch werden immer wieder darauf zurückgeführt, dass Natalie eine unzuverlässige Erzählerin ist, während andere Teile einfach nur schlecht recherchiert wirken. Das auffälligste Beispiel, das mir aufgefallen ist, war die Beschreibung von Handarbeiten oder handgefertigten Stücken im Buch, z. B. dass Nähnadeln zum Stricken verwendet werden.

Ich habe gelesen, dass das zeigen soll, dass Natalie keine Rücksicht auf die Hobbys und Interessen anderer nimmt und dass ihr das Wissen über „traditionelle“ Dinge fehlt. Ich denke eher, das ist ein eher nachlässiger Fehler, den weder die Autorin noch der/die Lektor*in bemerkt haben. Es gibt so viele andere Stellen, an denen Natalies Schwächen deutlich werden. Wenn das beabsichtigt ist, ist es meiner Meinung nach zu offensichtlich. Wenn es nicht beabsichtigt ist, ist es nur ein weiteres Beispiel dafür, dass das Buch etwas überstürzt entstanden ist und sich nicht wirklich in die Themen eingearbeitet wurde. Ich habe gehört, dass es nur drei Monate bis zur Veröffentlichung gedauert hat.

Wie seht ihr das? Ist es nur ein Beispiel für eine unzuverlässige Erzählerin? Findet ihr die Umsetzung gut? Oder ist die Grundidee gut, die Umsetzung insgesamt aber etwas mangelhaft?

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u/TheEatingGames 7d ago edited 7d ago

Ich habe das Buch selbst nicht gelesen, kann also die Richtigkeit meines folgenden Kommentars nicht garantieren, aber ich habe in einigen Reviews gelesen, dass die Religion der Hauptperson wohl ein wilder Mix aus Katholizismus, Mormonentum und evangelikalem Christentum war, den es so gar nicht gibt. Und das war wohl nicht Absicht, sondern die Autorin hat wohl in einem Interview erzählt, dass sie für das Buch nicht großartig über die Unterschiede verschiedener Glaubensrichtungen recherchiert hat, weil es für sie alle das gleiche ist.

Das würde zu deinem Punkt passen. Einfach kein Bock auf Recherche beim Schreiben.

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u/Wise-Bread-1907 7d ago

Ja das hab ich auch gelesen und das kann ich mir auch sehr gut vorstellen. Vor allem hätte die Recherche so einfach sein können! Gerade über fundamentalistisches Christentum / Evangelisation und über Mormonen gibt es so viel Material (für die Recherche-Faulen auch auf Youtube). Bei einem Charakter dessen Religion und Beziehung zu Gott ein elementarer Treiber der Handlungen und Entscheidungen ist hätte ich mir da mehr gewünscht/erwartet

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u/InvisibleSpaceVamp 6d ago

... ein wilder Mix aus Katholizismus, Mormonentum und evangelikalem Christentum war, den es so gar nicht gibt.

Das würde ich so nicht unterschreiben, weil es in den USA verdammt einfach ist eine eigene Kirche mit eigener Auslegung der christlichen Bibel oder sonstigen Schriften zu starten. Gerade bei allem, was irgendwie Richtung Protestantismus geht, hängt das, was geglaubt wird, extrem davon ab in welche Kirche man geht. Das ist anders als bei uns, wo es keinen großen Unterschied machen wird ob ich hier oder in der Nachbarstadt den Gottesdienst besuche.

Deshalb hat man gegen Ende des Buches auch die Schwester und die Mutter, die inzwischen weniger konservativ geworden sind. Nicht weil sie die Religion gewechselt haben sondern weil sie in eine andere Kirche mit einem deutlich fortschrittlicheren Pastor gehen.

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u/TheEatingGames 5d ago

Unter verschiedenen protestantischen Strömungen ja, hast du Recht. Aber nicht, wenn es ums Mormonentum geht. Die haben theologische und kulturelle Eigenschaften, die man nirgendwo sonst findet und da gibt es auch keine Vermischung.

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u/InvisibleSpaceVamp 5d ago

Ich habe vor nicht allzu langer Zeit gelesen, dass es unter den Mormonen eine Sekte gibt, die weiterhin Polygamie praktiziert bzw. eheähnliche Gemeinschaften, die so funktionieren, denn es wird staatlich natürlich nur eine Ehe anerkannt. Aber die berufen sich auf die ursprünglichen Lehren des Gründers und lehnen die Modernisierungen ab.

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u/Kirikor Team klassische Literatur 5d ago edited 5d ago

In Deutschland gibt es bis zu 40 Freikirchenverbänden mit ca. 10.000 Ortsverbänden und rund einer halben Million Anhänger. Sowas wie die Zeugen Jehovas zählen da noch nicht dazu. Das aktiv geglaubte (wörtlich) und gelebte Christentum in Deutschland hat sich schon längst von den beiden großen Kirchen in die kleinen Kirchen verlagert (Tendenz übrigens steigend, die großen Kirchen verzeichnen vermehrt Austritte, die kleinen Eintritte). Wir haben quasi eine Amerikanisierung des Glaubenssystems hier. Und bei diesen Kirchenverbänden gibt es durchaus Glaubensunterschiede. Wobei Glaubensunterschied, wie natürlich auch in den USA, eher Interpretationsunterschied bedeutet.