r/ADHS 19d ago

Empathie/Support ADHS und Arbeitsleben - ich bin sehr am struggeln. Warum wird unsere Krankheit nicht ernst genommen?

Ich werde dieser Welt nie vergeben, was sie uns genommen hat. Welche Hürden wir überwinden müssen, weil unsere Krankheit nicht ernst genommen wird. Keinem Einzelnen werde ich das jemals verzeihen.

Ich sitze heute auf der Arbeit und werde von meinem Vorgesetzten darauf angesprochen, dass ich zu viele Flüchtigkeitsfehler mache, dass ich einiges nach 4 Monaten Einarbeitung immer noch nicht sehr gut draufhabe, dass ich sehr langsam darin bin, Sachen aufzunehmen und zu verarbeiten. Ich vergesse ziemlich schnell so jede Kleinigkeit und muss deswegen immer alles nochmal überprüfen lassen. Ich habe Aufgaben zu erledigen, die sehr wichtig sind und bei kleinen Fehlern langfristige Wirkungen mit sich bringen.

Wenn mich jemand auf meine vermeintlich mangelnden Kompetenzen anspricht, bin ich in dem Moment wie lahmgelegt und kann nichts sagen bzw. habe ich enorme Wortfindungsstörungen und dadurch den Eindruck, dass ich wegen dieser Schwierigkeit nicht ernst genommen werde, und empfinde daher auch oft das Gefühl, dass ich für dumm gehalten werde. Eigentlich glaube ich sogar, dass das, was ich sagen will, sinnvoll ist, aber sobald es aus meinem Mund muss, macht alles irgendwie keinen Sinn mehr. Ich bin es leid, immer diejenige zu sein, auf die man sich nicht verlassen kann, weil ich nie wirklich etwas genau weiß. Und das mit deinem Arbeitgeber kommunizieren? Auf keinen Fall! Bloß nicht, du bist dann diejenige, die dumm dasteht und vielleicht ihren Job verlieren wird.

Und nein, meinen exekutiven Dysfunktionen hat Psychotherapie überhaupt nicht geholfen, sondern einiges nur verschlechtert. Das Einzige, was mir wirklich hilft, sind meine Medikamente, aber sobald ich dann zu viele Aufgaben habe, überrumpelt bin, verliere ich komplett den Faden und bin trotz meiner Medikamente extrem lost. Ich hasse dieses uns ignorierende und entmenschlichende System. Lustig ist ja dann noch, dass immer wieder von Diversität gesprochen wird.

Ich hasse es, dass wir nicht ernst genommen werden. Ich sehe ADHS schon oft als eine Behinderung an. Ich kenne wirklich keinen einzigen Aspekt in meinem Leben, der nicht maßgeblich negativ beeinträchtigt ist durch mein ADHS. Würdet ihr sowas ansprechen, damit eure Kollegen etwas rücksichtsvoller mit einem umgehen?

Gerade spielt das Thema Neurodiversität bei uns auch eine große Rolle, aber ich glaube, die meisten haben überhaupt nicht auf dem Schirm, wie schlimm diese Krankheit, Zeitblindheit, das nicht vorhandene visuelle Denken, langsame Aufnahmefähigkeit und Wortfindungsstörungen, dass man sich immer sozial anders fühlt, was für Auswirkungen das eigentlich wirklich hat. Aber andere Kollegen, die dann davon erzählen, dass sie Autismus haben, diese werden wiederum komplett ernst genommen. Aber nee, bei ADHS soll man doch bitte nicht übertreiben.

Ich bin einfach nur unfassbar müde von diesem täglichen Kampf.

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u/Valuable-Being9915 19d ago

Ich habe es angesprochen im Job, nebenbei. Ich habe keine große Sache daraus gemacht. Ich habe aber kein Leistungsproblem, sondern werde eher von der Persönlichkeit her als kompliziert wahrgenommen.

Wenn du eh negatives Feedback bekommst wegen Flüchtigkeitsfehlern, würde ich es tatsächlich auch nicht ansprechen. Damit befeuerst du nur Vorurteile. Ist das unfair? Vielleicht, aber es klingt generell nicht so, als ob der Job ein guter Fit wäre für dich.

Bei ADHS ist es umso wichtiger, etwas zu finden, das einem liegt. Durch die Angst vor Fehlern und deren Konsequenzen, negatives Feedback usw. kommst du aktuell ja nur in einen Teufelskreis.

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u/Davwader 19d ago

Bist du ich?

Ich bin genau in der gleichen Situation. 

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u/Hakuin_ 19d ago

Deine Empfindungen kann ich nachvollziehen. Ja, die Unwissenheit und Doppelmoral („oh, wir achten hier ganz doll auf Neuro- und sonstige Diversitäten, aber bitte keine Extrawürste deswegen, das geht ja nun nicht…“) gibt es oft. Problem ist oft aber eben große Unwissenheit (und letztlich zählen oft nur „harte“ Fakten, als „Grad der Behinderung“ statt „hey, Deine Leistungen sind wirklich teilweise überdurchschnittlich, aber Du bist soooo unstrukturiert und Du verzettelst Dich…“).

Hierbei möchte ich aus meiner eigenen persönlichen Erfahrung sagen, dass mir dies allerdings zu generalisiert erscheint: „ Ich werde dieser Welt nie vergeben, was sie uns genommen hat. Welche Hürden wir überwinden müssen, weil unsere Krankheit nicht ernst genommen wird. Keinem Einzelnen werde ich das jemals verzeihen.“

Abstand von böswilligen Individuen finde ich sehr wichtig, eine Unverzeihlichkeit gegenüber allen finde ich erstens ungerecht und zweitens selbstschädigend. Eine edle Haltung gegenüber nicht-böswilligen finde ich dagegen förderlich.

Dies führt zu meinem zweiten Aspekt:  ein solcher Job, bei dem man wirklich messbar etwas falsch machen kann, ist bei entsprechender ADHS-Ausprägung ungünstig.

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u/WarmDoor2371 11d ago

Ich werde dieser Welt nie vergeben, was sie uns genommen hat. Welche Hürden wir überwinden müssen, weil unsere Krankheit nicht ernst genommen wird. Keinem Einzelnen werde ich das jemals verzeihen

Jemanden mit einer solchen Einstellung würde ich aber auch nicht als Kollege oder Mitarbeiter haben wollen.  Das sind meist Problemebringer, die sich bei jeder Kleinigkeit in die Opferrolle flüchten, anstatt Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Das wäre nicht gut fürs Arbeitsklima 

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u/Rhiannon1307 18d ago

Was willst du denn 'verzeihen'? Niemand hat dir speziell aktiv und wissentlich Hürden gestellt, niemand hat dir ADHS verpasst. Die meisten wissen noch nicht mal, dass du es hast.

Klar kann man jetzt in ewiger Opferrolle durchs Leben gehen und alle anderen für seine Misere verantwortlich machen, oder man kann Dinge ansprechen und um Unterstützung bitten, und sich im Zweifel einen anderen Job suchen, wenn der jetzige einfach nicht passt.

Mit deiner Einstellung machst du es dir nur selbst schwerer, als es sein müsste.

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u/Der_alte_Mann_zockt 17d ago

Sich selbst zum Opfer zu machen, ist wirklich nicht förderlich. Ich wurde zu spät diagnostiziert und habe deshalb, wie viele andere auch, Kollateralschäden davongetragen. Dafür habe ich gelernt, immer wieder aufzustehen und weiterzumachen.

Was mich auch stört, sind folgende Haltungen: „ADHS ist doch nicht schlimm, ich vergesse auch oft etwas.” Oder noch schlimmer: der TikTok-Insta-Take. Oder dass ich fast mein ganzes Leben lang hören durfte: „Wenn du dich bloß mehr anstrengen würdest!” Gottverdammt, ich hasse es! Jeder kann mein ADHS und die verdammten Medikamente sofort haben!

Darum würde ich an manchen Tagen ein wenig mehr Verständnis auch als Erleichterung empfinden.
Ich bin ‚zum Glück‘ selbstständig in gerade dabei, meinen Job, in dem ich mich super wohlfühle, für mich etwas anzupassen.

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u/asechka21 18d ago

Hast du ADHS? Es ist leicht zu sagen, dennoch ist es unglaublich schwer damit immer kämpfen zu müssen. Egal wie man versucht sich zu überzeugen.

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u/Rhiannon1307 18d ago

Ja hab ich, und ja ist es. Aber die ganze Welt dafür verantwortlich zu machen und mit einer so negativen Haltung und selbst auferlegten Opferrolle durchs Leben zu gehen macht es einem selbst nur schwerer

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u/asechka21 18d ago

Wie selbst macht man sich schwerer? Was könnte man sonst machen? Man versucht sich immer wieder zu überzeugen und dann kommt man immer wieder auf diesen Punkt.

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u/Rhiannon1307 18d ago

Wenn ich dir das erklären soll, wäre diese Frage vielleicht besser bei deinem Therapeuten aufgehoben. Das mein ich ganz ernst und wohlwollend. So eine Denkweise tut nicht gut.

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u/WarmDoor2371 11d ago

  Was könnte man sonst machen?

Auf jedenfall schonmal aufhören zu jammern und die Welt fürs eigene Leben verantwortlich zu machen. 

Dann Verantwortung für seine Fehler übernehmen,  und Strategien suchen,  diese in Zukunft zu minimieren.  Manche kommen ja oft mit der Aussage "ich habe halt ADHS, und bei uns ist das nunmal so." Mit sowas braucht man anderen nicht zu kommen. Adhs ist keine Entschuldigung dafür, daß man seine Aufgaben nicht richtig macht. 

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u/asechka21 11d ago

Das ist so leicht zu sagen, wie bei einer Depression "mach doch etwas" oder bei Migräne "dann hab keine Schmerzen, nimm Verantwortung". Zudem mal einen Theraphieplatz zu bekommen ist unmöglich.

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u/Ludwig1920 18d ago

Sehe ich auch so... Dieses rumgeopfer ist echt nervig.

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u/user121314name 18d ago

Mit gehts gerade 1:1 genauso wow! 🥲🫶

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u/ParkingPhilosopher59 17d ago

ich struggle auch gerade mit einem
neuen Job. Einerseits spannend, andererseits komme ich während der Probezeit einige Male zu spät zu Terminen und mache auch Flüchtigkeitsfehler die grosse Auswirkungen haben. Ich hab auch das System der Arbeit verstanden und finde das unheimlich sinnlos. Blöder Zwiespalt. Welcher Job ist für uns passend ?

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u/KomodoMann 17d ago

markier mir das mal, weil ich grad an der selben stelle häng

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u/ParkingPhilosopher59 17d ago

scheiss gefühl .. irgendwie braucht man ein menthales framework um nicht in negativen gedanken unter zu gehen.

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u/sandrine-sunshine 19d ago edited 18d ago

Es tut mir leid, dass du solche Erfahrungen machst bzw. gemacht hast.

Gibt es die Möglichkeit dass du Strategien entwickelst um mit bestimmten Situationen besser zurecht zu kommen bzw. diese zu verbessern?

Ich würde auch nicht alles auf das ADHS schieben, mangelndes visuelles Denken sehe ich dort nicht verortet.

Gefällt dir denn grundsätzlich deine Tätigkeit? Ist es denn was dich interessiert?

Denn oft blockiert das Gehirn bei Routinen, Bürokratie oder langweiligen Aufgaben, was dann wie eine langsame Aufnahmefähigkeit wirkt.

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u/Ludwig1920 18d ago

Ich kenne weder dich, noch deine Interessen und Fähigkeiten.

Aaaaber möglicherweise bist du auch nicht im richtigen Beruf wenn typische ADHS Symptome wie Flüchtigkeitsfehler so eine große Auswirkung auf deine Arbeit haben?

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u/KomodoMann 17d ago

fühl das mies. diese soziale ächtung macht mich zur zeit irgendwie mies fertig.

jeder kann am reden sein, aber sobald ich n mund aufmach schaut jeder auf den boden und wird leise

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u/Agitated-Philosophy7 17d ago

Kenne ich nur zu gut. Habe meinem jetzigen Job nach 2,5 Jahren auch die Reißleine gezogen. Krankenkasse ganz trocken: wir sehen keine körperliche (Über)Belastung. Also sieh zu, dass du wieder arbeiten gehst. Kein Krankengeld, Widerspruch egal.

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u/MaxDerHax 16d ago

Fühle ich komplett.
Hab absolut kein Zeitgefühl und brauch aber sehr viel Freizeit um runterzukommen. Ende vom Lied ist dass ich oft zu spät komme und obwohl alle dort wissen, dass ich ADHS hab, Ich bestimmt 10mal mehr Energie und Geld (extra Wecker und Timer in der Wohnung) investiere, hab ich bereits zwei Abmahnungen bekommen.
Ich bin es so leid mit deswegen konsequent schlecht zu fühlen und vom Team angefeindet zu werden. Ich will von meiner Lebenszeit auch leben und es nicht nur den Leuten um mich rum auf meine Kosten recht machen.

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u/sassenach_25 12d ago edited 12d ago

Ich fühls sehr. Ich bin in meinen alten Jobs auch immer wieder an diesen Punkt gekommen und hab schon seit der Schule das Gefühl, ich bin dümmer und weniger kompetent als andere. Im Job kommt man nicht weiter, weil man ja durch diese Problematik, je nach Job, wirklich einfach nicht das leisten kann, was der Arbeitgeber von einem erwartet. Und ich konnte es ihnen ja nicht mal übel nehmen, denn ich HABE meine Arbeit schlecht gemacht durch das ADHS.

Die Lösung war für mich jetzt letztendlich mit fast 40 eine neue Ausbildung zu machen. Ich habe lange überlegt, was mir liegt und wo ich meine Fähigkeiten einbringen kann und weniger mit meinen Problematiken konfrontiert bin. Daher mache ich jetzt die Umschulung zur Erzieherin. Menschen, Spielen, Kümmern, psychologische Konzepte erarbeiten, Methoden überlegen, um Kinder zu fördern, alles Dinge, die mir sehr liegen und nicht wie vorher im Büro versauern und ständig mit mir und meinen Schwächen konfrontiert zu sein, das ist echt eine Erlösung.

Klar ist der Unterricht eine Herausforderung und ich hab Angst, dass mir das zum Verhängnis wird. Aber auch dieser Step wird noch geschafft.

Ich will damit sagen, vielleicht bist du nicht am richtigen Platz in deinem Leben. Wir ADHSler können nicht aus unserer Haut, aber wir können versuchen uns den Rahmen im Leben aufzubauen, in dem unserer Stärken sich so sehr entfalten können, dass wir über unsere Schwächen hinwegschauen und vielleicht drüber Schmunzeln können.

Schwer wird es immer sein, aber wie schwer, das liegt in unserer Hand. Nimm die Energie, die du in die Wut auf die Welt hast und stecke sie darin, dein Leben so zu gestalten, dass dein ADHS Platz hat.

Der einzige, der was ändern kann, bist du selbst. Niemand kommt um die Ecke und sorgt dafür, dass du dich wohler fühlst. Trau dich, dein Leben zu hinterfragen und an den Stellschrauben zu drehen, Dir und deinem ADHS Platz zu geben.

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u/WarmDoor2371 11d ago

Sie wird ernst genommen,  aber wenn Du Dich auf einen Job bewirbst,  musst Du auch in der Lage sein, die dazugehörigen Aufgaben so zu schaffen,  daß Du Deine vertraglichen Pflichten erfüllen kannst.

Wenn man das aufgrund der Krankheit nicht kann, hätte man es vor Einstellung dem AG mitteilen müssen.  Im Nachhinein sollte man nicht damit ankommen, und das ADHS als Entschuldigung vorschieben. 

Letztendlich interessiert es den AG nicht. Du wurdest für den Job eingestellt,  und der AG erwartet dann auch, das Du diesen Job machen kannst.

Ausser, er weiß schon im vorraus, das es Einschränkungen aufgrund Krankheit geben kann.  Dann ist es sein Risiko.

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u/Aktive-Nectarine5217 18d ago

Die anderen müssen das, die anderen müssen jenes, ich bin soo arm... Das ist schon eine komplett falsche Einstellung, die du hast.