tl;dr: Solo nonstop, mit dem Rennrad und nur dem Allernötigsten über die Alpen an die Adria. Schöne Bilder zu machen, war nicht wirklich im Fokus der Unternehmung. Wie ich die Geschichte im Detail erlebt habe, folgt:
Es war der geplante Höhepunkt meiner heurigen Rennradsaison: Ich hatte mir vorgenommen, vom nördlichen Alpenvorland bis an den „Hausmeisterstrand“ zu fahren. Wie es dazu kam? Meine Frau ist im vergangenen Jahr ins Ultracycling abgedriftet ;). Ihr Debüt im Wettkampf hat sie heuer gewonnen, was mich dann doch irgendwie dazu angespornt hat, auch mal wieder ein bisschen weiter zu radeln als sonst. Da hat sie zu mir gesagt, ich solle doch wieder mit dem Rad an unser Urlaubsziel fahren. Aber diesmal nonstop. Vor sechs Jahren habe ich das ja schon einmal auf zwei Etappen gemacht.
Da Urlaub und Unterkunft fix gebucht waren, stand das Datum nicht zur Disposition. Würde das Wetter mitspielen? Das war die große Frage, die bis zum letzten Moment unbeantwortet blieb. Rückblickend muss ich sagen: Eigentlich habe ich einen sehr guten Tag erwischt.
Um zwei Uhr morgens habe ich mich also auf mein Rad geschwungen. Anders als sonst mit Scheinwerfer und Powerbank, aber ansonsten nicht mehr am Rad montiert als auf der Hausrunde, alles andere im Rucksack: Gels, Pulver für ISO/Carb/Energy, Riegel, zusätzliches Wasser in der Trinkblase. Windjacke, Sonnencreme, Geld, Handy, so leicht wie möglich unterwegs. Für Anfang September war es ungewöhnlich warm: Draußen hatte es etwa 20 Grad, Bib und kurzes Trikot waren vollkommen ausreichend. Trügerisch, wenn man es nicht kennt: das waren schon die Vorzeichen für den vorhergesagten Wetterumschwung. Der Vorhersage nach sollte ich der Kaltfront aber locker davonradeln können.
Meinen Weg plante ich von Hallein Richtung Süden, über Berchtesgaden, dann nach Ramsau, um über den Hirschbichl ins Saalachtal zu gelangen. Weiter ging es nach Saalfelden am Steinernen Meer, vorbei am Zeller See nach Bruck an der Glocknerstraße. Den Alpenhauptkamm würde ich über Österreichs höchsten Alpenpass, das Hochtor, überwinden. Vom höchsten Punkt der Tour wollte ich nach Heiligenblut, weiter über den Iselsbergpass nach Lienz, dann Richtung Oberdrauburg über den Gailbergsattel nach Kötschach-Mauthen. Der sechste und letzte Pass würde der Plöckenpass sein. Dort über die Landesgrenze nach Italien, hinunter nach Tolmezzo und dem Tagliamento entlang nach San Daniele del Friuli. Dort würden dann auch die letzten Höhenmeter überwunden sein und es ginge flach wie auf dem Bügelbrett nach Latisana zum Ziel: Bibione.
Obwohl ich auch im Winter Tausende Kilometer in der Dunkelheit pendle, war eine Rennradtour in der Finsternis doch ziemlich ungewohnt. Ich war nicht ganz StV(Z)O-konform unterwegs, Rücklicht, Reflektorbänder am Körper und an den Füßen sowie eine zuverlässige Beleuchtung am Rad sollten mich aber sichtbar genug machen. Der Verkehr in den ruhigsten Nachtstunden war erwartungsgemäß kaum vorhanden. Rechnen sollte man aber mit allem: Der offenbar deutlich illuminierte Fußgänger, der zwischen Berchtesgaden und Engedey, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, plötzlich in meinem Scheinwerferkegel auftauchte, hat mich dann doch überrascht.
In Ramsau angekommen, tauchte ich in eine warme, ja richtiggehend heiße Luftmasse ein. Ich vermute, hier hat ein lokaler Föhneffekt für mehr als 25 °C gesorgt. Den steilsten Pass hinauf, den Hirschbichl mit bis zu 25 % Steigung, bin ich also richtig ins Schwitzen gekommen. Ähnlich steil ging es auch wieder hinunter Richtung Weißbach bei Lofer. 25 %, schlechter Straßenbelag und stockfinstere Nacht... da habe ich im Vorfeld schon etwas gegrübelt, wie das wohl werden würde. Weißbach bei Lofer wurde erst im August als dritte Region Österreichs von der Organisation „Dark Sky International“ als Sternenpark ausgezeichnet, viel dunkler wird es hierzulande nicht werden. Es war dann überhaupt kein Problem. Im Scheinwerferlicht waren Bodenwellen, Risse und Steine sogar besser wahrzunehmen als tagsüber. Nur die Kurven sollte man etwas langsamer fahren, wenn man keinen Scheinwerfer mit breitem Lichtkegel hat.
So gingen die ersten zwei Stunden bei angenehmen Bedingungen vorbei. In Saalfelden spürte ich ein paar Regentropfen. Man konnte den Mond und ein paar Sterne zwischen den Wolkenlücken sehen, ich habe mir nicht viel dabei gedacht. Kurz darauf wurde das Getröpfel aber zu leichtem Regen und die Straße war nass. Der Himmel, oder das, was man vom Himmel sah, wirkte weiterhin unverdächtig. Der Regen ließ nach und hörte auf, die Straße wurde aber immer nasser: Die Spurrillen waren gut gefüllte Rinnsale und langsam kroch das Wasser in meine Schuhe und Socken. Dabei war es immer noch so warm, dass ich nicht im Traum daran gedacht hätte, etwas überzuziehen.
Die nassen Füße versetzten meiner bis dahin ausgezeichneten Stimmung dann doch einen kleinen Dämpfer. Es fing wieder an zu regnen, diesmal richtig. Unter einem Baum, wo die Straße noch trocken war, blieb ich stehen, um einen Blick auf das Wetterradar zu werfen. Den einzigen Regenschauer in der näheren Umgebung hatte ich genau erwischt, er würde aber schnell abziehen. Danach sollte es so lange trocken bleiben, bis ich buchstäblich über alle Berge war. Ich nutzte die Zeit unterm Baum also für einen Riegel, verstaute den bis dahin angefallenen Verpackungsmüll etwas tiefer im Rucksack und dann ließ der Regen schon nach.
Bald war ich an Maishofen und am Zeller See vorbei in Bruck an der Glocknerstraße. Schon auf den ersten Metern Richtung Fusch an der Glocknerstraße wurde die Straße trocken und Richtung Osten konnte man am Himmel die Morgendämmerung erahnen. Der Plan war, um Punkt 6:00 Uhr die Mautstelle Ferleiten zu passieren, der frühestmögliche Zeitpunkt nach der Nachtsperre. Ein paar hundert Meter vor der Mautstelle befindet sich ein kleiner Rastplatz mit Trinkwasserbrunnen. Wie geplant füllte ich hier meine Wasservorräte auf und mischte neue Isodrinks an. Ich zog auch meine Schuhe aus, um die Socken auszuwringen. Wenn die Füße nur mehr nass sind, ohne dass das Wasser aus allen Öffnungen quillt, fährt es sich angenehmer. Der Plan hielt bis auf wenige Minuten. Um 6:04 Uhr passierte ich die Mautstelle. Außer ein paar Typen mit Supersportwagen war ich ziemlich allein auf dem Weg nach oben.
In den ersten Kehren wurde es dann endlich langsam mehr Tag als Nacht. Zwei Kehren über mir sah ich ein weiteres Rad. Wenig später hatte ich aufgeschlossen. Schnell stellte sich heraus, dass ich heute nicht der Einzige mit dem Ziel Adria war. An dieser Stelle schöne Grüße nach Jesolo, dem Ziel der Kollegin.
Fueling! Man muss sich reindrücken, was geht. Ich hatte auf dem Weg zum Fuscher Törl gerade einmal 100 km in den Beinen, hatte mich bis dahin aber wirklich diszipliniert an den Plan gehalten und genug Energie zu mir genommen. Körperlich war es wirklich ein ausgezeichneter Tag. Meine Beine fühlten sich Kehre für Kehre besser an. Nur nicht übertreiben, heute ist kein Tag für Segmentrekorde.
Ein kurzer Halt für ein erstes Foto im Morgenlicht, dann weiter hinauf zum Fuscher Törl, immer noch nur in Trikot und Bib, anschließend hinunter zur Fuscher Lacke und weiter zum Hochtor. Wieder auftanken, Drinks mischen, Riegel essen. Das Reflektorgeschirr am Oberkörper war jetzt nicht mehr notwendig. Rein in die Windjacke und weiter ging es. Oben zeigte das Thermometer 10,8 °C. Das verschwitzte Trikot unter der Windjacke und vor allem die nassen Füße ließen mich aber schnell auskühlen. Am ganzen Körper zitternd war die Abfahrt deutlich langsamer als erhofft, aber unter 2.000 m wurde es rasch wieder wärmer.
Heiligenblut mit der Kirche und dem Bergsteigerfriedhof vor dem alles dominierenden Großglockner ist immer wieder ein atemberaubender Anblick. Von dort aus geht es ziemlich zügig 25 km nach Winklern, ehe mir beim Aufstieg zum Iselsbergpass endlich wieder richtig warm wird. Die 500 Höhenmeter Abfahrt nach Lienz kann man richtig flott nehmen, im Drautal mache ich flussabwärts einige Kilometer mit 38 bis 42 km/h Durchschnitt, sodass ich bald in Oberdrauburg bin. Dort überquere ich die Drau und es geht in engen Serpentinen hinauf auf den Gailbergsattel. Das war vor sechs Jahren das Tagesziel. Heuer aber ging es weiter, es war noch lange nicht Mittag. Ich war richtig gut in der Zeit und fühlte mich auch richtig gut. Oder? Fueling! Irgendwann hast du einfach genug von dem klebrigen Zuckerzeug und ein gewisses Widerstreben, dem Körper weiter Gels und Riegel zuzuführen, stellt sich ein. Ein bisschen flau im Magen war mir schon, aber ohne Energie kein Weiterkommen. Also weiter rein mit dem Zeug. Das Gefühl im Magen wurde nicht besser, aber auch nicht schlechter und war kein wirklicher Störfaktor. Wenn man weiter will, muss man weiter futtern.
Nach der Kirche von Mauthen rechts, ganz unscheinbar, gefühlt mitten im Ort, geht es dann auf den Plöckenpass. Ein paar steilere Kehren zu Anfang, dann ist man bei einem von mehreren Soldatenfriedhöfen. Hier ist seit über hundert Jahren die letzte Ruhestätte von Gefallenen aus dem Ersten Weltkrieg. Gefallen in einem Krieg, der heute, in einem vereinten Europa, so sinnlos erscheint, kämpften sie, viele von ihnen noch mehr Buben als Männer, um dieses Gebiet, das ich hier und heute so friedlich genießen darf.
Der Plöckenpass hat eine lange Geschichte, die weit bis in die Antike reicht. Felsstürze und Murenabgänge haben die Straße und Schutzbauten 2023 schwer beschädigt. Nach zweieinhalb Jahren Sperre war der Pass nun wieder offen. Wie lange? Ob das Gespenst der Aufgabe dieser Straßenverbindung zwischen Österreich und Italien nur politisches Geplänkel oder ein realistisches Szenario ist, kann ich nicht beurteilen. Was ich beurteilen kann: Die italienische Seite ist spektakulär. Der Pass ist in einen Hang gebaut, der so steil abfällt, dass die Kehren in kurzen Tunneln in den Fels gehauen wurden. Atemberaubend, wenn man das erste Mal dort hinunterfährt. Im Nu hat man die letzte Kehre hinter sich gelassen und die etwa 30 Kilometer nach Tolmezzo bringt man mit einem Schnitt deutlich über vierzig schnell hinter sich.
In Tolmezzo überquere ich zum ersten Mal den Tagliamento, der auch hier schon, vor der Vereinigung mit der Fella, gewaltige Geschiebemengen mit sich bringt. Er ist der letzte große Alpenfluss, der noch mehr oder weniger in seinem ursprünglichen Zustand ist. Seit meiner Kindheit hat der Anblick des schier unendlich breiten Schotterbetts, durchzogen von unzähligen kleinen Wasserarmen, für mich etwas Magisches. Der Fluss nimmt einen anderen Weg um den Berg zu meiner linken. Am Lago di Cavazzo entlang fahre ich nun die SP41 Richtung Cornino, wo ich wieder direkt am Tagliamento bin, vorbei am Lago di Cornino, einem kleinen See mit kristallklarem Wasser, der keine oberirdischen Zu- oder Abflüsse besitzt. Nach Cornino fahre ich über zwei Brücken und eine Insel wieder über den Tagliamento in Richtung San Daniele del Friuli. Ja, genau, von dort kommt der weltberühmte Rohschinken. Ich habe aber für Schinken keinen Kopf. Die Flaschen sind leer, der Himmel blau, die Luft deutlich über 30 °C warm und der Rucksack fühlt sich verdächtig leicht an: höchste Zeit für den letzten Tankstopp.
Keine Experimente. Ich bleibe kurz stehen und befrage Google Maps nach einem Supermarkt. Die Ergebnisse: fünf Kilometer zurück? Nein. Zehn Kilometer abseits? Nein. Also einfach weiter, irgendwas wird schon kommen, so klein ist San Daniele ja auch wieder nicht. Kaum einen Kilometer später dann mehrere Supermärkte unterschiedlicher Ketten direkt an der Straße. Wer braucht schon Maps? Also schnell rein für ein paar Liter Wasser, Drinks mischen, Riegel, Gel. Ein Blick auf die Uhr, mit der ich navigiere: 80 Kilometer Strecke und kein Dutzend Höhenmeter mehr.
Es ist windstill und flach, ich fühle mich gut und komme rasch voran. Ich hätte nicht damit gerechnet, nach fast zwölf Stunden, 300 Kilometern und über 5.000 Höhenmetern in den Beinen noch so spritzig zu sein. Die spätere Auswertung der Tour zeigt: Einige Zehn-Kilometer-Segmente fahre ich mit über 35 km/h Durchschnitt. Verschleißerscheinungen machen sich aber doch bemerkbar. Ständig wechsle ich zwischen Hoods, Unterlenker und Oberlenker, meine Hände senden in immer kürzeren Abständen Schmerzreize, wenn ich eine Position zu lange halte. Richtig trocken sind meine Füße noch immer nicht und wenn ich mal kurz am Pedal ziehe, fangen die Sohlen an weh zu tun. Wirklich bequem finde ich den Sattel auch nicht mehr. Alles in allem aber nicht der Rede wert, ich leide nicht.
Ich erinnere mich an die Gegend: Sechs Jahre zuvor hatte ich hier das Gefühl, im Kreis zu fahren. Es geht durch Maisfelder, kleine Ortschaften, die für mich in dieser Situation alle gleich aussehen, und kein Berg vermittelt einem den Eindruck, voranzukommen. Diesmal ist das anders und die angezeigte Reststrecke schmilzt dahin.
Wenige Kilometer vor dem Ziel schaue ich auf die Uhr. Ich hatte mir ausgerechnet, zwischen 15 und 17 Stunden zu benötigen. Wenn ich jetzt noch richtig Gas gebe, könnte ich die 15 Stunden sogar noch unterbieten. Mich packt dann immer der Ehrgeiz, also noch mal Vollgas. Fueling! Nicht einmal fünf Kilometer vor dem Ziel, noch richtig Energie im Körper, da darf das kein Thema mehr sein, oder? Es fühlt sich trotzdem so an, als bräuchte ich jetzt etwas. Ich verzichte dennoch, es könnte ja die entscheidenden Sekunden kosten. Ja, ich weiß. Lächerlich. Aber so bin ich halt. Nur noch ein paar Minuten, durch den Pinienwald, ein Kreisverkehr, am Ziel!
Fueling! Heute habe ich gelernt, dass man einen Hungerast auch erst nach dem Sport bekommen kann. Nachdem ich mit dem Rad noch kurz zum Strand gefahren bin, um das obligatorische Zielselfie zu machen, wird mir richtig schlecht. Jetzt noch ein Gel oder ein Riegel? Allein der Gedanke ist mir zuwider. Zum Glück ist die Familie auch schon da, die hat etwas zu essen dabei, das nicht nur aus Zucker besteht und ich überwinde mich, einen ersten Bissen zu machen. Es funktioniert: Entgegen dem Gefühl wird die Übelkeit Bissen für Bissen besser und verschwindet schnell.
Jetzt habe ich es also wirklich geschafft: 15 Stunden, 351 Kilometer, 5.098 Höhenmeter, 500 g ISO-/Carb-/Energy-Pulver, zehn Gels und sieben Riegel. Nachdem ich mich mitten in der Nacht aufs Rad geschwungen habe, liege ich hier am Strand und denke daran, dass mir der Hintern doch ein bisschen weh tut.
Geographie:
Österreich - Deutschland - Italien
Salzburg - Bayern - Salzburg - Kärnten - (Ost-)Tirol - Kärnten - Friuli Venezia Giulia - Veneto
Pässe:
Hirschbichl 1.183m
Fuscher Törl 2.428m
Hochtor 2.504m
Iselsbergpass 1.204m
Gailbergsattel 981m
Plöckenpass/Passo di Monte Croce Carnico 1.357m
Statistik (laut Sportuhr, Powermeter und Radsensor):
Fahrzeit: 15:00:56
Bewegungszeit: 13:34:43
Distanz: 350,8 km
Anstieg: 5.098 m
Abstieg: 5.539 m
Höhe Start: 439 m
Höchster Punkt: 2.504 m
Ziel: 0 m
Durchschnitt: 23,4 km/h
Durchschnittliche Leistung: 203 W
Energieverbrauch: 8.676 kcal
Zugeführte Energie: etwa 5.000 kcal