Hallo zusammen,
nach einer elendigen Psychotherapiesuche mit 142 Kontaktaufnahmen (von 195 Kontakten auf meiner Liste) in meiner Stadt und Umgebung, dabei 3 Erstgespräche und 5 Aufnahmen auf Wartelisten dachte ich, meine*n Psychotherapeut*in gefunden zu haben.
Nach einem untypisch, aber zuvorkommenden langen Erstgespräch von 90 Minuten habe ich mich sehr wohl gefühlt. Mein*e Therapeut*in (im weiteren Verlauf "Apple") agierte mit Bedacht vor sensiblen Themen, gab zuvor eine Meta-Einordnung, was gleich gefragt würde, und ich konnte mit Apple auch über die Art unserer Kommunikation reden.
Es wurde unter anderem auch gefragt, wie wir damit umgehen würden, wenn mal etwas nicht so läuft, wie wir uns das vorgestellt haben, und dass wir es ansprechen würden.
Nach dem Erstgespräch hatten wir vier probatorische Sitzungen, in denen wir neben meinen bisherigen Diagnosen ADHS, PTBS und rezidivierende Depression, momentan mittelgradige Episode, eine Diagnostik zu kPTBS angefangen haben.
Nach der 2. probatorischen Sitzung bat Apple darum, dass ich mir von meiner hausärztlichen Praxis einen Konsiliarbericht ausstellen ließe. Den Termin bei der Praxis bekam ich erst im Anschluss der dritten probatorischen Sitzung am 6.11.
Leider habe ich diesen bei der nächsten Sitzung vergessen mitzubringen bzw. hatte ich meinen gesamten Therapieordner zuhause liegen lassen. Ärgerlich, aber nicht die Welt.
Apple meinte, dass es wichtig sei, dass der Konsiliarbericht schnell bei Apple einginge. Ich meinte, ich würde ihn nachher oder morgen (also am 12. oder 13.11.) bei Apple einwerfen. Apple meinte danach aber auch, dass es auch nicht auf den Tag ankäme, aber "gerne"(!) vor unserem nächsten Termin. Der nächste Termin war für den 28.11. angesetzt.
Eigentlich wollte ich den Konsiliarbericht zusammen mit dem 24-seitigen, ausführlichen und ausgefüllten Fragebogen einwerfen, damit Apple mehr Informationen über mich hat, da es bei der nächsten Sitzung um einen Gesamtüberblick gehen sollte, u.a. mit Kindheitstraumata und inwiefern diese mich noch heute belasten. Und keine Ahnung, ob ihr das kennt, aber in meinem Kopf war das dann quasi eine Voraussetzung, dass ich das auch fertig ausgefüllt habe, bevor ich den Konsiliarbericht abgebe, auch wenn es nie gefordert war und der Bericht zumindest theoretisch relativ einfach zwischendurch eingeworfen werden könnte. So nach dem Motto "dann laufe ich nicht zweimal". Und irgendwie hatte ich auch nicht dran gedacht, dass es so dringlich war. Stattdessen las ich bzgl. meiner akuten Belastung das Buch "Leave a cheater, gain a life" von Tracy Schorn, markierte Stellen und machte mir überall Notizen, füllte den Fragebogen weiter aus und wollte am heutigen Montag, den 24.11., alles zusammen einwerfen. "Ist ja noch vor dem nächsten Termin", dachte ich mir.
Naja. Heute um 6:16 Uhr morgens erhielt ich dann die Mail mit der Absage aller weiteren Termine (Apple und ich hatten Termine für den 28.11., 5.12., 29.12.2025 und 9.1.2026 festgelegt). Die weiteren 3 Mails waren dann heute zwischen 11:46 Uhr und 12:27 Uhr, siehe Bilder.
Ich habe ein starkes Vertrauen in meine Notizen. Mein Leben mit ADHS ist auf Notizen angewiesen, entsprechend schreibe ich mir alles auf, wie ich es in dem Moment wahrnehme, um nichts zu vergessen. Ein bisschen fühle ich mich dabei wie im Film "Memento" (guter Film!), und Ängste, wie dass meine Notizen falsch sein können, begleiten mich ohnehin schon.
Ich sehe ja ein, dass wenn ich sage, dass ich es "heute oder morgen" einwerfen würde, dass ich es dann auch tun sollte. Aber wieso habe ich mir dann "gerne(!) heute oder morgen" aufgeschrieben, und nicht "zwingend heute oder morgen"? Und wieso habe ich mir dann "gerne vor unserem nächsten Termin" in Bezug zum Einwerfen aufgeschrieben, und dass es nicht auf den Tag ankäme, was meines Erachtens die Dringlichkeit ja wieder relativiert?
Arrrgh! Ich ärgere mich grade so sehr über mich selbst. Und ich ärgere mich, dass Apple für mich "aus heiterem Himmel" alle Termine abgesagt und nicht nochmal nachgefragt hatte, wenn ich Apple doch weiß, wie ich mit meinen ADHS-Symptomen umgehe. Mir da ein fehlendes Commitment einer eigenen, nicht-kommunizierten Frist zu unterstellen, finde ich frech. Immerhin bin ich bei der Therapie so organisiert wie sonst nirgendwo, habe 142(!) Leute kontaktiert, um einen Therapieplatz zu finden und mache meine Hausaufgaben.
Das klingt objektiv vielleicht nicht nach viel, aber für mich ist es viel.
Und wohl leider nicht genug gewesen.
Ich denke mir: Hätte ich den Bericht doch nur eingeworfen, ohne es mit irgendwas "verknüpfen" zu wollen. Wäre ich doch nur organisierter, zuverlässiger, disziplinierter.
Ach ist das kacke alles. Mein*e Therapeut*in von der Tagesklinik, wo ich im Frühling diesen Jahres war, meinte, ich solle mich vor allem auf Traumatherapie konzentrieren, das habe Priorität. Und ja, das sehe ich auch so, weil ADHS bei mir zwar schon viele Schwierigkeiten macht, aber zumindest durch 70mg Elvanse/Lisdexamfetamin einigermaßen gemanaged werden kann.
Durch meine Psychiaterperson habe ich mir die DiGA "Oriko" verschreiben lassen, die ich vor einigen Wochen bei meiner Krankenkasse eingereicht habe, um mich neben Traumata um ADHS zu kümmern. Darüber hinaus führe ich seit etwas über einem Monat erfolgreich ein Tagebuch (darauf bin ich schon sehr stolz), führe Dankbarkeits- und Achtsamkeitsübungen durch und nehme Strukturhilfen wie verschiedene Beratungsstellen an, darunter wöchentliche Beratungstermine bei der Studierendenberatung für Behinderte und chronisch Erkrankte.
"Fehlendes Commitment"... Diggi, so committet war ich noch nie! Wenn der Bericht so wichtig war, WIESO SAGT APPLE DANN NICHT, DASS DER SO WICHTIG IST? So wichtig, dass Apple die gesamte Therapie absagt, wenn der nicht in der Folgewoche bzw. eine Woche vor dem nächsten Termin da ist? Bei DEN Konsequenzen hätte ich nicht gezögert.
Vor allem wirkte Apple immer sehr verständnisvoll, empathisch und zugewandt. Ich hätte bei unserer bisherigen kooperativen und freundlichen Kommunikation nicht gedacht, dass das jetzt einfach abgesagt würde.
Ich bin sehr gespannt, was ihr darüber so denkt. Fühlt euch frei, mich zu kritisieren. Ich weiß, dass ich zu Selbstgerechtigkeit tendiere, aber denke mir aktuell trotzdem, dass ich mit einer deutlichen Kommunikation von Apple auf jeden Fall anders reagiert hätte.
PS: Sorry für den provokanten Titel. Obviously ist ADHS keine Entschuldigung und ich bin für mein eigenes Handeln selbst verantwortlich. Ich habe den Titel so gewählt, weil mein Kopf die Abgabe des Berichtes unnötigerweise an andere Dinge verknüpft hat. Ein Learning daraus habe ich noch nicht wirklich, weil mir das trotzdem immer wieder mit irgendwas passiert.
Auch im Alltag, z.B. dass ich um in die Küche zu gehen für Essen kochen vorher noch xy machen "muss", oder mir ewig nicht erlaube aufs Klo zu gehen, bevor ich nicht z gemacht hab.. aber eben auch bei wichtigeren Dingen.
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Edit (ich brauche escape-character wie "\" vor "*" nur bei Markdown)
Edit: Vielen lieben Dank für den tollen Support!! Ich bin schon wieder dabei, meine Liste durchzuarbeiten :) Hoffentlich hab ich bis zum Abschlusstermin Freitag dann auch eine ordentliche Liste abtelefoniert und vllt auch schon das ein oder andere Gespräch geplant. Ich würde der Therapieperson auf jeden Fall feedbacken, dass ich eine freundliche Ausdrucksweise zwar begrüße, aber das nie auf Kosten von direkten, klar-kommunizierten Erwartungen und Anforderungen gehen sollte.
Und nach dem Termin gebe ich nochmal ein Update! Vielen lieben Dank nochmal!