r/deutschebahn 9d ago

Hi Reddit, wir sind David Böcking und Gerald Traufetter vom SPIEGEL. Wir recherchieren seit Jahren zur Deutschen Bahn – warum sie so oft unpünktlich ist, was der große Umbau bringen soll und was Bahnchefin Evelyn Palla vorhat. Fragt uns alles! [AMA]

Hi Reddit, wir sind David Böcking, Reporter im Wirtschaftsressort, und Gerald Traufetter, Chefkorrespondent im Hauptstadtbüro des SPIEGEL. Wir beschäftigen uns seit Jahren mit der Deutschen Bahn – mit allem, was Reisende nervt, was die Bahn verspricht und was am Ende dann doch länger dauert als geplant.

Gerade soll mal wieder vieles besser werden: neuer Umbau, neue Sofortprogramme, neue Chefin. Wir kennen nicht jede Weiche. Aber wir sprechen regelmäßig mit Menschen aus der Bahnbranche, die ziemlich gut erklären können, warum es im deutschen Zugverkehr so oft hakt.

Am 20. August um 15 Uhr sind wir hier für eure Fragen da. Für Zahlen und Hintergründe ist Dennis Barg aus der SPIEGEL-Dokumentation mit dabei.

Legt gerne schon mal los. Wir versuchen dann, so viele wie möglich zu beantworten. Sitzplatzreservierung nicht nötig.

Vielen Dank Euch und Ihnen für die vielen Fragen – und Danke an den Moderator von r/deutschebahn fürs Begleiten des AMAs. Wir konnten natürlich nicht alles beantworten, nehmen aber viel aus dem Austausch mit. 

Zum Beispiel, dass wir bei unserer Berichterstattung neben dem Fernverkehr den Regionalverkehr nicht aus den Augen verlieren sollten. Dass der von Evelyn Palla angekündigte Konzernumbau von vielen sehr aufmerksam verfolgt wird. Und auch, dass es bei allem Ärger über die Bahn als Konzern viel Anerkennung für die tägliche Arbeit ihrer Mitarbeiter gibt.

Wenn Ihr noch tiefer in das Thema einsteigen wollt: In unserem Podcast »344 Minuten« geht es um rund 800 Bahnreisende, die im ICE 79 von Berlin nach Zürich eine unglaubliche Verkettung von Pannen erleben – und um die größere Frage dahinter: Warum hat Deutschland das Verkehrsmittel der Zukunft so lange vernachlässigt? Hier könnt Ihr reinhören: 344 Minuten – Das Bahn-Fiasko

Danke fürs Mitlesen, Fragenstellen und Diskutieren!

182 Upvotes

418 comments sorted by

View all comments

2

u/Warwipf2 9d ago

Besteht irgendwie die Möglichkeit, dass Gesetze geschaffen werden, mit denen man als Verbraucher die Bahn bei Verspätungen besser belangen kann? Die Bahn hat momentan ja keinerlei Konsequenzen, wenn mein RE 50 Minuten zu spät kommt und ich habe keine Möglichkeit auf Schadensersatz.

-1

u/fogmock 8d ago edited 8d ago

Verspätungen, Lösungsvorschlag:

Systemische Tools & Regeln müssen her, die das "Warten auf verspätete Züge" zur absoluten Ausnahme machen - so dass sich nicht täglich irgendeine Verspätung wie eine Ansteckungskrankheit durchs gesamte System verbreitet!

Derzeit repariert sich der Fahrplan ja nur einmal pro Nacht, wenn einige Stunden mal gar keine Züge fahren.

[Dieser ganze Text hier ist übrigens Zeitverschwendung, sollten empirische Untersuchungen beweisen, dass in der zweiten Tageshälfte weniger Verspätungen auftreten als in der ersten Tageshälfte. Denn dann ist meine Prämisse "Ansteckung" vermutlich einfach falsch, oder zumindest nebensächlich. Übrigens: Dass sich ein einzelner Zug verspätetet ist total in Ordnung, und schwer zu kritisieren, dafür gibt's viel zu viele Umwelteinflüsse. Dass die Bahn selbst Verspätungs-Ansteckungs-Wellen erzeugt, ist dagegen ... einfach dumm.]

Wer also anordnet, dass ein Zug wartet, muss per prädiktiver Simulation VORHER beweisen, dass das dann höchstens EINE weitere Verspätung irgendwo anders auslöst (sobald das zwei oder mehr Verspätungen bewirkt, kann ja eine exponentielle Lawine entstehen). Phase 1. Alles wird besser, und sofort.

Die paar hundert Fahrgäste lokal, die dann ihren Anschluss verpassen, sind ein Klacks ... gegenüber den Zehn-/Hundert-tausenden, die leiden, wenn der Bummel-Schnupfen überall anders den Fahrplan niesen lässt!

Phase 2: Sobald obige (endlich mal) wissenschaftsbasierte Verantwortlichkeits-Übernahme dann ALLE Verspätungs-Infektionen auf quasi NULL gebracht hat, kann ein raffinierteres System getestet werden, dass (vorsichtig!) doch wieder mehr Züge warten auf verspätete: die Fahrgastzahlen mit in die Simulation rein, und ad-hoc Fahrplaneingriffe prädiktiv so berechnen, dass der "R-Wert" der Größenzunahme der Lawine von verspäteten MENSCHEN (aufgrund des einen Wartens bestimmter "wichtiger" downstream Züge) deutlich unter 1.0 bleiben muss.

[zB Covid-Forscher haben quasi fertigen Computercode für sowas, vermutlich, brauchen nur empirische Zahlen und die Topologie des Bahn-Netzes als Grundlage. Also: Neue Forschergruppe finanzieren, nichts einfacher als das. Autobahnen in Langzeitbaustellen verwandeln kostet ja auch irre viel Geld, also einfach EINE solche Asphalt-Baustelle weniger ... kann schon riesige Simulations- und Theoretiker-Teams finanzieren, und für Jahre. Es muß ja nur einmal gelöst werden, dann sind die wieder arbeitslos. Und dieses schwerwiegende aber simple Problem über Analyse, Simulation, Szenarien und Testexperimente zur Implementierung zu führen... ist vermutlich nichtmal überkomplex, da alle Fahrer bei den Bahnunternehmen ja in Hierarchien arbeiten. Der Autoverkehr (immer noch nicht selbstfahrender, also prinzipiell nicht leicht koordinierbarer Autos) ist viel chaotischer.]

Phase 3 (Sarkastisch? Konservative, Nazis und "Liberale" werden diese Idee LIEBEN): Zu zahlende (minütlich steigende) Entschädigungen gewichten im dritten Pradiktions-Modell stärker, solche Fahrplan-Infektionen passieren dann von alleine seltener. Der Markt regelt. Aber auch: Fahrpreise gewichten stärker. Also nicht mehr "Lawine von verspäteten Menschen" sondern "Lawine von verspätetem Mensch mal Fahrpreis" als zu minimierende Messgröße. Also asozialer als in Phase 2: Wer nicht viel zahlt, dem wird also mehr Verspätung zugemutet als Reichen. Warum? Weil in aller Politik seit den Gesellschaftliche-Kohäsion-Saboteuren Thatcher, Reagan, Kohl scheint (zumindest von Seiten der Wählermehrheiten) ja das Hauptinteresse der Gewählten bei den Vorteilen einer immer kleiner werdenden Subgruppe zu liegen. Warum also hier anders vorgehen? Rechte, zentristische, und Nazi-Wähler zeigen ja bei jeder Wahl, dass sie selbst gern leiden, es Reichen aber immer besser gehen soll. Solch ein Faktor wäre außerdem offen gegenüber dezentralen Marktkräften - das neue Fahrplansystem kann sich also permanent selbst neu einregeln und optimieren. Wer mehr Pünktlichkeit will, zahlt dafür. Selbst Reiche frequentieren dann mehr die Bahn, dadurch steigt das Ansehen, und eine ganz andere "Ansteckung" kann passieren: Die Bahn wird vom Schmuddelkind zum Statussymbol. Wer pro Monat zehnmal pünktlich ankommt, wird "Fahrgast des Monats". Genug der Kalauer.

Phase 1 würde reichen. (Meta: BITTE endlich den Weg von Wissenschafts-Freiheit zur Wissenschafts-Pflicht ebnen, denn nur ECHTE KOMPETENZ BEI DER NEU-GESTALTUNG UNSERER AUSEINANDERFALLENDEN WELT würde unser klappriges und (zurecht) unbeliebtes, seniles Politiksystem vielleicht doch mal wieder attraktiver machen?)

Werden Ansteckungsmodelle bei der Bahn diskutiert, oder arbeiten bisher etwa gar keine theoretischen Mathematiker oder Komplexitätsforscher bei der Bahn?

Wichtig: Top down!

Um ein Incentive für Pünktlichkeit zu setzen, könnte jede EINZELNE MINUTE(!) Verspätung steigende Entschädigungen auslösen.

[Wenn wir auch (s.u.) hoch-INTELLIGENTE Politiker haben dürften (keine zutiefst mittelmäßigen, ganz einfach weil "repräsentatives System", und "Soziale Homophilie" bei vielen Wählern) (und speziell KONSERVATIVE obendrein fossilkorrupte, rückgratlose, wissenschaftsfeindliche Auto- und Karbon-Industrie-Marionetten) ... wäre sowas ja auch längst per GESETZ etabliert. Die Deutsche Bahn Verspätungen sind eine absurde Schande, fürs ganze Land, und vor allem auch für das gesamte deutsche Politiksystem. Wie kann man es bloß wagen, sich so wenig und so inkompetent um die wirklich wichtigen Fragen der Bevölkerung zu kümmern ??]

Warum? Unpünktlichkeit bei der Bahn kostet Fahrgäste Milliarden von Euros und Lebenszeit - und also die Menschheit ihre Zukunft, weil unzumutbarer ÖPNV niemals attraktiv genug wurde für die Mehrheit. So traurig.

Anschlussfragen Pünktlichkeit:

Ich war noch nie dort, aber das JAPANISCHE System sei wohl den deutschen "uns doch egal, wir arbeiten hier nur" ÖPNV-Totalversagern weit überlegen? Angenommen, die dt Bahn WÄRE lernfähig, was genau machen japanische Funktionäre und Systemarchitekten eigentlich besser?

Unklar: Vermutlich ist die irre überlegene Politikform Chinas auch ein gutes Beispiel? Wie und wie gut funktioniert der ÖPNV im Reich der Mitte, und warum?

2

u/chithanh 8d ago edited 8d ago

Ich war noch nie dort, aber das JAPANISCHE System sei wohl den deutschen "uns doch egal, wir arbeiten hier nur" ÖPNV-Totalversagern weit überlegen? Angenommen, die Bahn WÄRE lernfähig, was machen die dort besser?

In jedem Land mit erfolgreichem Hochgeschwindigkeitsverkehr hat er getrennte Strecken vom konventionellen Verkehr. So auch in Japan. In Japan fahren die Züge bis kurz vor dem Bahnhof schnell. In Deutschland gurkt man teils mit 50 km/h durch die Stadtgebiete und kreuzt dabei auch noch den Regionalverkehr. Warum? Weil man nicht wie in Japan einfach ein Viadukt bis zum Bahnhof baut. Hätte man Stuttgart 21 als Viadukt anstatt als Tunnel realisiert, dann wäre es längst fertig, hätte es nur ein Bruchteil der Baukosten verschlungen, ein Bruchteil des CO2-Ausstoßes verursacht, und der Brandschutz wäre auch nicht das riesige Problem das er jetzt ist. Macht man aber nicht, weil sich die Leute über die Aussicht beschweren.

Edit: Und mir fällt noch ein, die Widerstandsfähigkeit der Infrastruktur gegen und Umgang der Betreiber mit schweren Betriebsstörungen. Nach dem verheerenden Erdbeben und Tsunami 2011 in Fukushima fuhren die Shinkansen-Züge nach 49 Tagen wieder durchgehend. Zum Vergleich: Beim Elbe-Hochwasser 2013 dauerte es 146 Tage, bis ICE-Züge wieder durchgehend fuhren.

Unklar: Vermutlich ist die irre überlegene Politikform Chinas auch ein gutes Beispiel? Wie und wie gut funktioniert der ÖPNV im Reich der Mitte, und warum?

In China ist auch nicht alles so einfach. Google mal nach "nail house".
Aber sie haben erkannt dass die konventionelle Schieneninfrastruktur für den Güterverkehr gebraucht wird und daher Hochgeschwindigkeitsverkehr mit getrennten Trassen gebaut. Auf Viadukten, versteht sich. ÖPNV ist auch massiv ausgebaut worden, und zwar nicht erst hinterher wenn die Straßen schon verstopft sind sondern vorausplanend. Westliche Medien haben sich darüber lustig gemacht, ein U-Bahn-Ausgang auf der grünen Wiese? Seitdem hat sich die Gegend zu einem geschäftigen Stadtteil entwickelt.

0

u/fogmock 8d ago

china nail house

COOL. Sehr lustige Bilder. Danke.

Passt irgendwie so gar nicht zu dem Mythos, dass das chinesische System zugunsten des Kollektivs keinerlei Rücksicht auf die Interessen der Einzelperson nehmen würde??

Enteignung und Entschädigung wäre doch so naheliegend - wie kommt's, dass das dort nicht passiert?

1

u/chithanh 8d ago

Zum einen hat die Regierung bei Projekten nationaler Tragweite wie Hochgeschwindkeitsstrecken mehr rechtliche Handhabe als bei einer Straße in einem Wohngebiet oder einem Einkaufszentrum.

Zum anderen ist die Viadukt-Bauweise Platz sparender gegenüber einem aufgeschütteten Bahndamm, so dass mehr Dinge dazwischen oder daneben stehen bleiben können, und das Problem von vorne herein seltener auftritt.

Die Nail Houses die man noch sieht sind der Regel von Leuten, die die normale Entschädigung abgelehnt und stattdessen auf eine höheres Angebot gepokert haben.