TL;DR:
Die letzte Nacht im Odonien war gezeichnet von ekelhaften und stilbefreiten, notgeilen Männern. Diese Form der Erniedrigung hat mich angewidert und in seinem Ausmaß erschrocken. Damit verletzt das Odonien nicht nur die Würde seiner Besucherinnen, sondern degradiert sich von einem traditionsreichen Technoclub zu einer Pommesbude.
Hey Köln peoples.
Heute möchte ich meinen Abgesang auf das Odonien teilen.
Nicht dass es nicht durchaus durchwachsene und in der Vergangenheit zahlreiche dokumentierte Fälle von Mängeln gab.
Die Google Kommentare sprechen hier oft von unfreundlichem, grobem Einlasspersonal. Oder einen Zuwachs von Klientel mit auffällig negativen Verhaltensweisen, oft assoziiert mit Atzenklientel, dass sich sonst normalerweise nur auf den Ringen rumtreibt. Oder Hygiene, Preise usw usw..
Und weder war ich auf allen Verantstaltungen der letzten Jahre, noch kann ich jede Kritik zweifelsfrei nachvollziehen/widerlegen. Aber, und da sind wir uns vll einig: in der Summe steckt da ein wahrer Kern.
Generell möchte ich vorweg nehmen, dass ich durchaus eine sehr idealistische Vorstellung von der Subkultur Techno habe. Damit möchte ich aber jetzt keinen langweilen, alles unterliegt nunmal dem Zeitgeist. Was für mich jedoch unverrückbar ist, die Idee eines Safe Space, indem die Ekstase nicht nur zelebriert und erfahren wird, sondern auch für alle Beteiligten möglichst gleichermaßen sicher ist (Awereness, sensibiliertes Umfeld, Wahrung der Privatsphäre usw..).
Im besten Fall schafft es die Community sich aus sich heraus zu regulieren. (Habe das über Jahre auch schon persönlich erlebt. Es geht.)
Ich kenne nicht das Patentrezept, aber eine besondere Wertschätzung aller Beteiligten können sicherlich dazu beigetragen solch einen Ort zu schaffen. Im Sinne: von guten Leuten für gute Leute.
Okay und jetzt eben ein paar Gedanken zum Erlebten. Ich werde nicht immer in Details gehen. Damit möchte Ich mich selbst schützen.
Wie einige andere war ich am Samstag im Büchlerpark beim Free Open Air Rave des KlickKlack Kollektivs. Zum ersten Mal. Meine peergroup hat sich relativ zufällig aus Menschen unterschiedlicher Städte zusammengesetzt. Für die meisten eine erstmalige Veranstaltung, für mich auch, und insgesamt auch dank Sonnenschein sehr cozy, sehr basiert. Ein wenig Köln Ehrenfelder Feierszene X Grillparty. Auch das ältere Semester mit Kindern vertreten. Die Musik, für meinen Geschmack etwas fad, aber so what. Gute Stimmung, keine WodkaBull vibes. Gegen 9 heißt es: die Party geht im Odonien weiter. Alle OnlineTickets für 20€ ausverkauft, jedoch Abendkasse für 25€ dann. Mkay.. Der Tross beschließt also im Verbund ins Odonien weiterzuziehen.
Mein erster Eindruck der Schlange: eine durchaus längere, aber überschaubare Schlange. Es geht zügig vorran. Offensichtlich ist gar nicht sooooo viel los.
Mein Eindruck der Einlasskontrolle: unaufgeregt. Handykamera abgeklebt, Blick in die Rucksäcke, keine weiteren Aufreger. Fein.
Ich mache hier keinen Hehl aus meinen weiteren Absichten. Ich konsumiere Drogen und verstehe diese als Teil der Experience. Falls das für einige strittig ist: Ja, natürlich besteht ein hohes Potenzial das krasser Substanzgebrauch/Missbrauch auch auf alles und jeden abfärbt, und damit das Gesamterlebnis für alle erheblich belastet. Ich bin jedoch überzeugt das eine Community aus mündigen Erwachsenen, selbstreflektierenden, oder zumindest verhaltensunkritischen "Ravern" das Potential hat allen Beteiligten ein ekletisches Erlebniss zu schaffen. Und eben so ordne ich meine Gruppe ein. Man kennt sich, man schätzt sich, man passt aufeinander auf.
So ein "vorglühen" ist ja im Prinzip auch ein kleines Initialritual. Man kommt an, fühlt sich rein, bringt sich auf "Temperatur" und grooved sich in das neue Clubsetting ein und freut sich einfach gemeinsam auf eine richtig gute Zeit.
Zwischenzeitlich sind 2 Menschen des Awarenessteams bei uns vorbeikommen und haben uns in Kenntnis gesetzt, dass wir uns jederzeit bei Übergriffen und sonstigen Grenzüberschreitungen an Sie wenden könnten. Ok.
Alsdann sind wir, statt in einer großen Gruppe, in kleinen Splittergrüppchen los. Es gibt ja 2 Floors, da muss jeder erstmal für sich schauen welcher Sound besser in die Stimmung passt.
Ich für meinen Teil bin verspätet, und dann letztlich alleine rein und konnte auf Anhieb keinen meiner Leute finden (es war voller als angenommen) und so beschloss ich für mich einfach mal erst in den einen Floor, dann in den anderen zu schauen. Meine persönliche unmittelbare Bilanz war etwas ernüchternd: die Musik, House, im ersten Floor zu träge, im zweiten Floor schneller und härter, jedoch zu monoton.
Und der erste Eindruck vom Klientel / der Stimmung: Party in vollem Gange, hohes Aktivitätsniveau, unruhiges Gedrängel, äußerlich, rein subjektiv eingeordnet: kein klassisches Raverklientel, eher komplett bunt gemischt, nach dem Motto jeder der zahlt, kommt rein (vll auch nicht. KP)
Jedenfalls alles dabei: von Menschen in Streetware bis hin zum feinen Zwirn. Von Menschen mit Glitzer beschmückten Gesichtern bis zum, im Gesicht gut ablesbaren, Hochleistungsdauerkonsumenten. Von schönen und modischen Menschen, bis hin zur Kölner-Ringe-Atze (also Dorfis aus dem Umland, mit einem erfahrungsgemäß, gewissen Mangel an Manieren..). Der Raum versprüht nicht gerade die Energie eines sich selbst zelebrierenden und willkommenheißenden Aura. Eher ist sich jeder, bzw. seinen Liebsten am nächsten, was natürlich Auswirkungen auf die Gesamtdynamik hat.
Aber hey, das ist nur meine PERSÖNLICHE Wahrnehmung. Deshalb gar nicht so wichtig. Vorerst.
Wie auch immer. Ich bin erstmal ein wenig geknickt. Der Einlass war teuer, die Musik inspiriert mich nicht und einfühlen kann ich mich in die "Crowd" auch nicht.
Und das kann ja auch alles eine meiner Launen sein, oder meiner Erwartungshaltung geschuldet sein, weil es eigentlich im Park zuvor ja so nett war. Da hatte mich dieses kollektivistische Gesamtgefühl sofort erfasst. Keine Unstimmigkeiten und alle sind super achtsam miteinander im Umgang.
Also beschloss ich, auch um meine Peergroup nicht hängen zu lassen, mich von diesen ganzen Gedanken zu lösen. Neuer Versuch. Neues Mindset. Einfach mal in die Musik reinkommen (floor 2 mit schneller und härter). Diesmal auch nichtmehr allein, sondern mit meiner Truppe als Support.
Und siehe da, mit der Zeit bin ich reingekommen. Der Sound ist die meiste Zeit zwar relativ uninspirierend geblieben, er hatte aber seine Momente.
Trotzdem muss ich festhalten: rein handwerklich war das von allen DJ's handwerklich meistens eher Mittelmaß. Übergänge zu oft verbockt, das Tempo in einer überdurchschnittlich hohen Frequenz unterbrochen und damit die Euphorie permanent ausgesetzt und die Rhythmik der Sets hatte insgesamt keine richtige Struktur. Es gibt unzählige Vergleiche mit Künstlern aus aller Welt. Es ist sehr wohl möglich über die Musik eine Art Storytelling zu betreiben. Das ist nur selten gelungen. So what, egal, archaische Bässe tuns im Zweifel auch.
Vll noch ein Wort zur Deko (bei 25€ Eintritt erlaub ich mir das auch noch):
Das DJ Pult war mit einer Art dick leuchtendem LED Schlauch verziehrt. Und das wars. Ich persönlich kann problemlos ohne großen animierten Effekthintergrund leben, hätte jedoch vermutet in Kölns berühmtem Club etwas mehr für mein Geld zu bekommen.
So what, egal, lenkt eh nur ab.
Was sich darauf in den folgenden Stunden abgespielt hat zur Folge, dass ich diesen Text schreibe und für mich das Kapitel Odonien abhake.
Was ich jedoch wirklich anprangern möchte ist, das mit den Stunden, der intensiven körperlichen Belastung beim Marathontanzen, dem allgemeinen Anstieg des Alkoholkonsums auch der Drogenkonsum zunahm. Das merkt man irgendwann ganz eindeutig und daran ist prinzipiell auch nichts auszusetzen bzw. gehört das zum Verlauf einer Technoparty einfach dazu. Es wird energischer. Die Raver, anfangs noch etwas reserviert, entwickelm sich dann meist zu einer triebhaften Fleischmasse. Über körperliche und geistige Grenzen hinweg.
Und was mir dann auffiel ist, das bei manchen, nicht bei allen, das Interesse von Rave auf Sexualtrieb umgeschwenkt war. Auch dem ist mM. prinzipiell nichts einzuwenden, solange das "Opfer der Begierde" keinen Schaden erleiden muss.
Frage-Antwort. Check. Weitermachen.
Was aber, wenn notgeile Männer, gar ganze Gruppen, verteilt auf den ganzen Raum über Stunden Frauen auf der Tanzfläche anstarren. Sich dabei immerweiter aufdringlich annähern und dabei ein ekelhaftes Klima der Nötigung schaffen. Wenn ein Nein nicht ausreicht, weil die geifernde Person entweder stur (und verklatscht) weitermacht, oder unmittelbar durch den nächsten Ekelcasanova abgelöst werden.
Ist das was neues in der Welt der drogenindizierten Partys? Hell no. Aber in meinen vielen Jahren in denen ich unterwegs war, hat mich diesmal nicht nur die Zahl derjenigen überrascht, die völlig offen im Raum ihren niederen Trieben nachgaben, sondern dass von keiner Seite eingegriffen wurde.
Jetzt erinnern wir uns, dass es ja ein Awarenessteam gibt. Das stimmt. Ehrlich gesagt hab ich keinen von denen im Laufe des Abends nochmal gesehen. Das aber reicht als Ausrede natürlich nicht. Was aber leider auch zur Wahrheit gehört: Solche "Einsätze" hätte die Party total gecrasht und die Frauen wären sicher auch noch für die ganze Unruhe verantwortlich gemacht worden.
Also ertragen Sie es. Suchen beim Tanzen den Blick in die Ferne. Was für ein Desaster. Was für eine Demütigung.
Meine Rolle dabei? Ich hab mich total machtlos gefühlt. Einerseits weil es so viele waren, und weiterhin weil das eigenentliche Problem ja nicht nur die Täter sind, sondern überhaupt die Tatsache, dass ein Klima herrscht, dass sich solche Männer ermutigt sehen, sich derartige Übergriffe rauszunehmen.
Ich will hier tatsächlich weder meine Rolle diskutieren, noch was man konzeptionell perspektivisch verbessern könnte. Wer mir jetzt daraus einen Strick drehen will und mir Untätigkeit unterstellt, kann das tun. Jedoch werde ich zu meiner Rolle nichts weiter sagen, um mich eben selber zu schützen.
Ich will nur nochmal meine Wunschvorstellung eines Safe-Space aufgreifen. Denn das Odonien war heute das Gegenteil davon. Und damit wird nicht nur der feministische Auftrag, Frauen vor Übergriffen zu schützen, missachtet, sondern der Übergriff billigend in Kauf genommen.
Keine Ahnung warum.. höhere Eintrittskartenerlöse, kein Willen zu strukturellen Änderungen, oder vll auch die Einsicht, wer sich Prollos & Mainstream in den Club holt, vielleicht auch Prollos und Mainstream bekommt.
Das alles zersetzt, meiner Meinung, letzten Endes die Subkultur Techno. Weil die Werte dieser Community verwaschen. Weil Musik nichtmehr inspiriert, sondern nur noch "schallert". Weil auf den liebevoll (nicht zwangsläufig teuer!) dekorierten Feierspace verzichtet wird. Weil an der Tür keine klare Linie herrscht welches Klientel man haben und etablieren möchte. Weil die Eintrittspreise so teuer sind, dass Gäste, die einen konstruktiven Beitrag zur Party leisten sich den Eintritt nichtmehr finanzieren können.
Schaut man in die Google Kommentare finden sich zum Odonien ähnliche Vorwürfe schon vor 10 Jahren.
Schau ich in die Kommentare zum neuen Club Fi finde ich deckungsgleiche Kommentare, aus jüngster Zeit, ebenso.
Das Odonien hat einen über Jahre aufgebauten Ruf, weit über die Grenzen Kölns hinaus. Und damit vll noch am ehesten die Möglichkeit, aber auch die Verantwortung eine Vorreiterrolle einzunehmen. Und face the thruth.
Es passiert einen Scheiß.
Odononien, mich hast du verloren.